Filme beim Dokfest Kassel 2026

wie schon in den vergangegen Jahren sind wir Kooperationspartner des 43. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest für die folgenden Filme, die sich mit Fragen der Erinnerungskultur befassen (in chonologsicher Reihenfolge). Nutzt die wohl einmalige Chance, diese FIlme in Kasseler Kinos anzuschauen:

FILMLADEN | MI. 18.11. | 14:30

Afterlives

2014 veröffentlichte der IS mit „Flames of War“ einen Propagandafilm im Stile eines Hollywood Actionfeuerwerks. 2020 zerlegte Kevin B. Lee diesen mit Lého Galibert-Laîné in der Desktop Arbeit „Bottled Songs“, um die Rhythmen des Terrors zu sezieren. Offenbar ließen ihn die Bilder nicht mehr los. In seinem ersten abendfüllenden Essayfilm, der untersucht, wie Bilder extremistischer Gewalt weltweit zirkulieren, trifft Lee Kunstschaffende und Forschende, die mit solchem Material arbeiten. Bei einer Ausstellung in Deutschland stößt er auf einen 3D-gedruckten Medusenkopf, Morehshin Allahyaris Rekonstruktion einer vom IS zerstörten Skulptur, und ergründet dessen Blick. Kann ein Bild uns vor Terror erstarren lassen? Was passiert, wenn sich unsere Blicke kreuzen? Können wir das Trauma des Gesehenen jemals verarbeiten, löschen oder auf Distanz halten? Allahyari, die von digitaler Dekolonisierung spricht, liefert auch den zentralen Begriff des Films: „Violent Care“. Dieses Konzept beschreibt die Gefahr, dass jeder Akt der Restaurierung eine eigene Zwangslogik in sich tragen kann, eine Fürsorge, die in eine neue Form von Gewalt umschlägt. Lee fragt, ob der Akt des Sehens diesem Kreislauf jemals entkommen kann. (Senem Aytaç)

Deutschland, Belgien, Frankreich 2025 / 88:00 Min. / Englisch, Deutsch / deutsche UT

Regie: Kevin B. Lee

Kamera: Ginan Seidl

Schnitt: Janina Herhoffer

Musik: Maya Shenfeld, Tadklimp

Sound: Laszlo Umbreit, Rémi Gérard

Produzent*in: Beata Saboova, Caroline Kirberg, Vincent Metzinger

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FILMLADEN | DO. 19.11. | 17:00

Az Zeeb

Nach dem Tod seiner Großmutter väterlicherseits im Jahr 2017, findet der chilenische Filmemacher Rafael Guendelman Super-8-Filmrollen, dazu Dias und Notizbücher, die die jüdische Familie seines Vaters, ihre Auswanderung nach Israel und ihre Rückkehr nach Chile dokumentieren. Seine Mutter ist Palästinenserin, und ihre Familie hat kein vergleichbares Archiv. Guendelman reist nach Palästina, um Az-Zeeb zu finden, das Dorf, aus dem die Familie seiner Mutter vertrieben wurde. Er filmt selbst auf Super 8 und schafft ein Archiv, wo es keines gab. Erzählungen der Familie, geerbte Filmrollen und seine eigenen Aufnahmen schichten sich übereinander, bis Vergangenheit und Gegenwart zu einer einzigen Erzählung verschmelzen, die Geschichten miteinander verwebt. Politische Repression und Landschaften hallen zwischen Chile und Palästina nach, und das wacklige, handgeführte Super 8 verwischt die Grenze zwischen damals und heute, hier und dort. Stimmen lösen sich mitunter von den Bildern, die sie begleiten, und hinterlassen ein an haltendes Gefühl der Entwurzelung. Es entsteht ein geisterhaftes Gegenarchiv, eine flüchtige Reise, die lange Verschwiegenes innerhalb der Familie an die Oberfläche bringt. (Senem Aytaç)

Chile, Katar 2026 / 86:00 Min. / Spanisch, Englisch, Arabisch, Hebräisch / englische UT

Regie, Kamera: Rafael Guendelman

Schnitt: Ana Edwards, Rafael Guendelman, Sebastián Salfate

Musik: Ian Jakab

Sound: Roberto Espinoza

Produzent*in: Joaquín Echeverría Deutschlandpremiere

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GLORIA | DO. 19.11. | 20:00

Meanwhile in Namibia

Die ländliche Bevölkerung Namibias schlüpft in die Rolle ihrer Vorfahr*innen: Für deutsche Tourist*innen performen sie die Vorstellung einer vorkolonialen Idylle ohne europäische Einflüsse. Sie zeigen ein genügsames Leben im Einklang mit der Natur in kurzen Fellröcken. Das Konzept, entworfen von deutschen Entwicklungshelfer*innen der GIZ, lässt Schlimmes erahnen, was den Stand der Aufarbeitung kolonialer Gewalt in Deutschland anbelangt. Die deutsche Regierung weigert sich, Reparationen für die Besetzung Namibias im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sowie für den Völkermord an der indigenen Bevölkerung zu zahlen. Stattdessen fördert Deutschland Entwicklungshilfeprojekte wie die „Lebenden Museen“. Rassistische Stereotype werden hier unter einem Deckmantel der Solidarität und wirtschaftlichen Hilfe reinszeniert und erinnern in erschreckendem Maße an die kolonialen „Völkerschauen“. Jonas Spriestersbach folgt mit beobachtender Kamera diesen Spuren deutscher Kolonialgeschichte, die heute weitestgehend verwischt sind. Fröhliche Urlauber*innen, Kreuzfahrtpassagier*innen, Kolonialmuseum. Diese Urlauber*innen sehen die menschlichen Knochen, die zwischen den Steinen zu finden sind, nicht. (Sita Scherer)

Deutschland, Namibia 2026 / 113:00 Min. / Englisch, Deutsch, Otjiherero, Oshivambo, Afrikaans, Khoekhoegowab / englische UT

Regie, Kamera, Schnitt, Produzent*in: Jonas Spriestersbach

Sound: Hilma Nangaku, Joel Toromba, Katharina Grote, Zita Erffa

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GLORIA | SA. 21.11. | 20:00

Fracture

Keren Kraizer ist Künstlerin, Filmemacherin und Aktivistin. Auf der Suche nach Freiheit verließ sie Israel mit 20 Jahren, um in Europa Tanz zu studieren. Der Zwiespalt zwischen Sehnsucht nach dem Heimatort und Unwohlsein bei der Rückkehr zog sich durch die Jahre. Sie entscheidet sich zu einer Reise zu ihrer Familie, will mehr erfahren über ihre Identität als Israelin, die konträr zur Politik Netanjahus steht. Vermeidung soll Auseinandersetzung weichen. Ein poetisches visuelles Tagebuch entsteht, das die Fragen nach Zugehörigkeit ebenso beinhaltet wie die Erlebnisse, die im turbulenten Draußen passieren. Die Gespräche mit Mutter und Großmutter geben teilweise Antworten. Kraizer schließt sich einer Demonstration gegen Netanjahu an, pflückt mit anderen in besetzten palästinensischen Gebieten Oliven und stellt sich aggressiven Siedlern entgegen, sie lernt Shir kennen, einen Aktivisten und Pazifisten. Nach dem 7. Oktober 2023 eskaliert die Gewalt. Schock mischt sich mit Wut, Verzweiflung, Angst. Kraizer fragt sich: Wenn der geliebte Geburtsort so viel Tod mit sich bringt – wo und vor allem wie soll man dann leben? (Sita Scherer)

Belgien 2026 / 83:00 Min. / Hebräisch, Englisch / englische UT

Regie, Kamera, Sound: Keren Kraizer

Schnitt: Pauline Piris-Nury, Yannick Leroy

Musik: Mlondiwethu Dubazane

Produzent*in: Joel Curtz, Walid Bekhti