beziehen Sie sich auf die geschriebene Sonne anderer

Ausstellung von Julia Majewski

ORBIT, Königstor 33, 34117 Kassel

Öffnungszeiten und Porgramm:

Mittwoch 11.2.: 17-20 Uhr, 19 Uhr soft opening in Anwesenheit der Künstlerin
Donnerstag 12.2.: 15:30-18 Uhr
Freitag 13.2.; 16-19 Uhr
Samstag 14.2.; 15:30-18 Uhr. Um 16 Uhr eine kleine Lesung

Installation aus drei Elementen, einem Film (der als Zweikanalinstallation gezeigt wird), einem Buch und drei Skulpturen.

Im Film sind zwei Bewegtbilder gleichzeitig zu sehen, mit einem dazugehörigen Sound. Es geht vordergründig um das Mittelmeer zwischen Marseille und Algiers bzw Marseille und Bejaia bzw dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent. Das Meer ist ein Sehnsuchtsort, ein Freiheit versprechender, ungezähmter Ort aber auch eine natürliche Grenze, ein Todesstreifen. Die Künstlerin fragt sich, wie die Menschen an den jeweiligen Küsten den Horizont betrachten und filmt Menschen beim Betrachten. Es ist O-Ton der Wellen und des Windes zu hören, Musik der algerischen Musikerin/Filmemacherin/Dichterin Zoulikha Tahar, die darüber singt, dass das Meer als Barriere gesehen wird, über das man springen müsste, fragt sich, wie man sich an ein so komplexes Land anpassen könne. Aber am häufigsten sind Stimmen verschiedener algerischer Frauen zu hören, zwischen Mitte 20 und Mitte 80. Die mit ihren sehr unterschiedlichen Leben und Erfahrungen von Freiheit träumen oder träumten. Manche von ihnen zog es weg aus diesem Land, sie sprechen über die Gründe zu gehen und wie es für sie als Frau war, in den jeweiligen Episoden, die dieses Land durchgemacht hat.

Die zuschauende Person befindet sich zwischen den beiden Filmen, kann nie beide Horizonte gleichzeitig ansehen und muss sich während der ganzen 18 Minuten immer für ein Bild entscheiden.

Das Buch kreist viel um eine Figur aus der algerischen Geschichte, Kahina bzw Dehiya. Sie ist eine Heldin der Amazigh, einer Bevölkerungsgruppe in Algerien, der auch die Familie der Künstlerin entstammt. Weltweit sind sie eher unter Namen ‚Berber‘ bekannt, dieser Name ist jedoch kolonialistisch geprägt und wurde abgeleitet von dem Begriff ‚Barbar‘ (da diese Menschen unter der griechischen Herrschaft kein Griechisch sprachen, sondern  ihre Sprache, Tamazigh). 

Kahina bekämpfte ca. 800/900 n.C. mit Erfolg eine arabische Invasion. Sie handelte in diesem Kampf sehr schlau und vorausschauend, weshalb sie von ihren Gegner*innen ‚Al-Kohina‘ bzw Kahina genannt wurde, was übersetzt soviel wie ‚böse Hexe‘, ‚Seherin‘ oder ‚Prophetin‘ bedeutet. Die Legende belegt jedoch, dass sie einfach viele Informant*innen bzw. ein gut funktionierendes Netzwerk hatte. Ihr Amazigh Name war ‚Dehiya‘, was übersetzt ‚schöne Gazelle‘ bedeutet. 

Die letzte Gazelle wurde in Algerien Ende des 19. Jahrhunderts tot auf einem Markt in Oran gefunden, gekauft und nach Europa verschleppt, wo sie ausgestellt wurde. Ihr biologischer Name ist ‚Eudorcas rufina‘, also ‚rote Gazelle‘. Möglicherweise war diese Gazelle aber gar keine algerische Gazelle, sondern eine westafrikanische Gazelle. Vielleicht wurde sie auf demselben Weg nach Algerien und dann nach Europa gebracht, wie Menschen heutzutage in die andere Richtung grausam verschleppt und abgeschoben werden.

Diese Unsicherheit in Bezug auf die Gazelle hat die Fantasie der Künstlerin angestachelt und sie habe sich die Dehiya fortan als rote, tätowierte Gazelle vorgestellt, die all ihre feministischen und antikolonialen Kämpfe kämpft. 

In dem Buch taucht sie immer wieder auf und führt uns durch Themen wie Mutterschaft und Einsamkeit in der Mutterschaft, Wunsch nach einem Netzwerk, aber auch Texten zu kolonialen Strukturen, die bis heute bestehen, Gedanken zur Familie und dem Dazwischen. Zwischen den Welten, zwischen den Erwartungen, zwischen den Küsten, zwischen den eigenen Wünschen. Viele feministische und (post-) antikoloniale Gedanken. Auch hier kommen viele andere, sehr spannende Menschen zu Wort, deren Zitate zwischen Texten der Künstlerin platziert sind. Wassyla Tamzali erzählt unter anderem von ihrem Kampf als algerische feministische Muslimin, Aïsha Ariella Azoulay schreibt von einer anti-zionistischen Position über die Vertreibung jüdischen Lebens aus Algerien, Albert Camus beschreibt seine Sinneseindrücke und Gefühle zu diesem Land in den 60er oder 70er Jahren, Yasmina Liassine befindet sich in einem Labyrinth der algerischen Geschichten und Wahrheiten über ihr Herkunftsland und Yassamin-Sophia Bouassoud schreibt über das Dazwischen, das Chaos und imazighe Identität. Am Ende ein kleines, wunderschönes Gedicht von Samira Negrouche über das Gehen und den Schmerz. Zwischen all diesen Texten befinden sich transparente Fotos, die sich auf die Texte legen, was dem ganzen Buch den Anschein eines Fotoalbums gibt, in dem man blättern kann, in dem die Bildbeschreibungen vielleicht manchmal verrutscht oder nicht mehr so leicht zuzuordnen sind. In diesen Fotos liegen meine Erinnerungen und die meiner Familie, reale sowie fiktive. 

Keine Erzählung ist linear und keine Erinnerung ist es. Und trotzdem sind die ‚ganz privaten‘ Erinnerungen ein sehr wichtiger Teil der Geschichte, aber auch ein Teil, der nicht genug beachtet wird, da diese Art zu erzählen nicht zur patriachalen, linearen und faktenbasierten Erzählweise gehört (siehe Donna Haraways Vorwort in ’the carrier bag of history’ von Ursula K. Le Guin). Das Buch schließt mit QR-Codes zu  2 Songs, die die Künstlerin beim Schreiben, Ordnen und Lesen begleitet haben.

Als Skulpturen zu sehen sind zudem drei rote Gazellenköpfe mit schwarzen Gesichtstattoos. Das Tätowieren des Gesichts und des ganzen Körpers war früher (in der Zeit der Urgroßmutter der Künstlerin) normal unter Amazigh Frauen (Frauen und Männer tätowierten sich gegenseitig und untereinander, es gab keine geschlechtliche Segregation) und war eine Zeichnung der Identität und der Schönheit. Viele der tätowierten Personen trugen diese mit Stolz. Durch die französische Kolonialherrschaft und später die Islamisierung des Landes wurden diese Tattoos von den Körpern verdrängt, da sie angeblich Zeichen der ‚Wilden‘ waren bzw nicht von Allah gewünscht. Die Urgroßmutter der Künstlerin versteckte ihre Tattoos unter Haaren und Pflastern, da sie in Frankreich lebte und nicht als Amazigh bzw Algerierin bzw indigene Barbarin erkannt werden wollte. Heutzutage haben Tattoos eine andere Konotation, sie stehen unter anderem für Freiheit und Anarchie oder beschreiben einen besonderen Moment für einen Menschen. Mit dieser Aneignung sich die Künstlerin beschäftigt und über Ihre Urgroßmutter nachgedacht, die sie versteckte, um keine Barbarin zu sein und ihre andere Urgroßmutter, die ihre blassen Tattoos auf Wangen, Stirn und Kinn offen trug. 

Die rote Gazelle sollte also tätowiert sein und diese Tattoos mit Stolz tragen dürfen. Diese Köpfe allerdings befinden sich auf erschöpften Menschenkörpern aus Wachs mit hängenden Schultern, Bäuchen und Brüsten. Abgearbeitete Körper die sich aneinander anlehnen und ausruhen. Damit beziehen die Skulpturen sich auf ein kleines Märchen, dass die Künstlerin geschrieben und im Buch veröffentlicht hat, indem die Gazelle, Dehiya, kraftlos durch die Berge der Kabilei streift und schließlich ihre Freund*innen findet, an denen sie sich anlehnen kann, um wieder zu Kraft zu kommen. Hier mischen sich die Erzählung der kabylischen Imazighen Frau, die immer arbeitet, auf dem Feld, im Haus, mit den Kindern, die das Geld verwaltet und die Kleidung näht. Die stark und zugleich unendlich erschöpft sein muss. Was die Künstlerin an ihre eigene Situation erinnert, da sie, während der Arbeit an Film, Buch und Skulpturen, ein Baby, später Kleinkind, zu versorgen hatte. Die innere und äußere Erschöpfung, die von außen kommende Romantisierung dieses Bildes, dieser fiktiven und unrealistische Mutterfigur, der wir immer noch nachhängen.